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Ich – Du – Wir

Ich - Du - Wir

In der Tiefe der Gefühle

Gerade ist bei vielen kritischen, frei denkenden Menschen die Aufarbeitung der letzten drei Jahre ein Thema. 

Ganz verstehen kann ich das nicht. Mir erschließt sich nicht, wie etwas aufgearbeitet werden kann, das noch keinen Abschluss gefunden hat und von dem niemand weiß, ob das Schlimmste tatsächlich schon vorbei ist, bzw. dieses noch kommt und wir noch gar nicht wissen worum es sich handelt.

Dazu kommt, dass zumindest parallel zu Konsequenzen, Vergeben und Verzeihen sehr genau hingeschaut werden sollte was in unserer Gesellschaft fehlt, das dieses Abgleiten in faschistoide Zustände hätte verhindern können. Die Gegenwart zeigt, dass die Aufarbeitung nach dem dritten Reich wohl fundamental wichtige Bereiche nicht erreicht hat. Ausgelassen wurden die Themen, die die inneren individuellen Seinsebenen betreffen und diese sollten wir nun ins Bewusstsein holen.
Eine Gesellschaft, die sich auf diese Weise spalten lässt, wie wir es zur Zeit erleben, kann nur aus Individuen bestehen, die eigene innere Anteile unterdrückt und abgespalten haben. Denn die Gesellschaft als solches gibt es nicht. Sie besteht immer aus einzelnen Menschen. Betrachten wir also die einzelnen Menschen, um zu erkennen, wo unser Lernfeld liegt. Was in letzter Konsequenz bedeutet uns selbst zu betrachten.

Wir brauchen eine vom Individuum ausgehende Heilung, und um dies zu erreichen einen öffentlichen Diskurs dazu. Es ist jetzt an uns allen, neben den unterschiedlichen Faktenebenen auch das in den Blick zu nehmen, was wir bisher individuell und gemeinschaftlich ausgegrenzt haben.

Dazu gehören aus meiner Sicht die Schnittstellen zu unserer mentalen und psychischen Realität, und ganz wichtig, die Frage nach spirituellen Themen und ihrem Stellenwert in unserer Gesellschaft. Dazu die Betrachtung einer ganzheitlichen Lebensweise, durch welche eine nicht auf Konsum gestützte Zufriedenheit wachsen kann. In der Tiefe zufriedene oder sogar glückliche Menschen neigen weit weniger dazu, sich irrationalen Ängsten zu unterwerfen, Neid- und Hassgefühle zu entwickeln und ihr Ego auf Kosten anderer aufzublasen. Die Wurzeln der gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sind in der Tiefe jedes einzelnen zu finden, im Einfrieren unserer Gefühle, in einer Vorstellung von uns, die nicht der Wahrheit entspricht.

Wie kommen wir aus der Falle des Wegdrückens unangenehmer Gefühle heraus?

Von klein auf werden wir erstmal dazu hingeführt unangenehme Gefühle zu vermeiden und glückliche Gefühle zu suchen. Oft wachsen wir auf und sind mit unseren Gefühlen alleine und unvertraut, weil die Erwachsenen um uns nicht über ihre oder unsere Gefühle sprechen. Indem wir sie beobachten, lernen wir, dass sie Situationen suchen, die sie mögen und wir tun es ihnen nach. Viel mehr erfahren wir oft nicht. Irgendwann haben wir dann unsere Gefühle tief in uns begraben, sie sogar vor uns selbst verborgen. Dann glauben wir ‚andere‘ seien die Ursache unangenehmer wie auch angenehmer Gefühle. Würden sie nur: so etwas nicht sagen, sich nicht so verhalten, dann ginge es uns gut. Damit überlassen wir unsere Eigenmacht anderen und stehlen uns gleichzeitig aus der Verantwortung. 

Daneben verkennen wir nicht nur, dass niemand außer wir selbst für unsere Gefühle verantwortlich ist, wir verkennen auch, dass wir mit einem Verhalten im Außen nur resonieren, weil wir dazu schon ein Gefühl in uns haben. Tief versteckt, das sich jetzt als Antwort auf die Situation im Außen meldet. Das gibt uns die Möglichkeit, dieses vor langer Zeit weggedrückte, Gefühl zu sehen, zuzulassen und die in ihm liegende Kraft in unser Leben zu integrieren. Wir gehen in die Verantwortung für alles was uns betrifft. Unsere Gefühle, unsere Gedanken und unser Handeln. Nicht ‚du bist schuld, dass ich mich so fühle und verhalte‘, sondern ‚ich fühle und verhalte mich so, wie ich es tue und übernehme die volle Verantwortung dafür‘. Schauen wir mit diesem Satz auf die vergangenen Jahre zurück, sind wir am Ausgangspunkt unserer ganz eigenen, individuellen Aufarbeitung und können diese für unsere innere Entwicklung nutzen.

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„Man kann nun nicht behaupten, dass mein märkischer Nachbar über besonders ausgeprägte Fähigkeiten im Nichtstun verfügt. Im Gegenteil. Egal, wann ich ihn antreffe, er ist immer auf den Beinen. Er sammelt, säubert, verkauft Eier. Er gräbt, mulcht, lüftet Beete. Er pflanzt, schient, erntet Tomaten. Er hackt, trocknet, bunkert Rüben. Auch sonntags schneidet er für seine Hühner ein wenig Gras. Eine nach Westen ausgerichtete Bank am Grundstücksende, wie ich sie habe, über die verfügt sein wuselndes, wachsendes, gedeihendes Grundstück nicht. Er käme ohnehin kaum zum Sitzen darauf.

In der Statistik gilt mein Nachbar aber als arbeitslos. Das ist einigermaßen irrwitzig, wenn man sein Arbeitspensum betrachtet. Er gilt als arbeitslos, weil er, der Flugzeugingenieurswesen studiert hat, nicht als Flugzeugingenieur arbeitet. Was er stattdessen Tag für Tag leistet, bleibt den meisten verborgen. Um in der Statistik nicht als arbeitslos zu gelten, müsste er morgens mit dem Auto aufbrechen, tagsüber nicht zu sehen sein, abends im Supermarkt Gemüse erstehen und erst nach Einbruch der Dunkelheit mit vollgepackten Tüten im Dorf erscheinen. 

Mein Nachbar ist nicht nur fleißig, er ist auch sehr klug. Das kann man doch abkürzen, mag er sich gedacht haben. Warum sollte er ins Büro gehen, um Geld für Gemüse zu verdienen, das er selbst anbauen kann. Warum sollte er am Computer verkümmern, wenn er draußen viel glücklicher ist. Warum sollte er nicht bleiben, mag er sich gedacht haben, wo er frei und unabhängig und keinem Chef untergeben ist. Obwohl er ganz schlecht im Garnichtstun ist, wurde mir mein märkischer Nachbar zum Vorbild. Er hat nicht das Arbeiten an sich eingestellt, sondern die Umwege, die man mit der Arbeit meist einschlägt, einfach abgekürzt. Er arbeitet nicht wenig, aber er wird seine Arbeit nicht bereuen. Ein größeres Maß an Unabhängigkeit, Freiheit und Autarkie ist nicht zu erlangen.

Wenn er stattdessen einem Supermarkt nach Büroschluss Tomaten und Gurken abkaufte, müsste er einen hohen Preis dafür zahlen, nicht nur an der Supermarktkasse. Straßen müssten gebahnt werden für diese Tomaten und Gurken, Lastwagen darauf fahren, die Teerlungen der Straßenarbeiter kuriert werden, was allenfalls dem Bruttoinlandsprodukt zugute käme. Die Dorfbewohner sollten sich bei meinem Nachbarn bedanken. Frühmorgens weckt er niemanden mit einem Automotor. Er verbraucht kaum Plastik. Seine Arbeit verursacht keine Folgeschäden. Er zerstört nichts. Und er ist immer gut gelaunt. Wahrscheinlich ist mein Nachbar einfach zu fortschrittlich. Er geht nicht arbeiten, sondern er arbeitet, er gilt in der Statistik als arbeitslos, bezieht aber kein Geld vom Staat, er passt einfach nicht ins System. Und das ist auch gut so.“

Das Beste, was wir tun können, ist nichts, Björn Kern

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Spiegelung ist Identität


„Forschungen der US-Wissenschaftler Andrew Meltzoff und Keith Moore, Mitte der 1990er Jahre zeigten:

Kinder (Neugeborene) wissen, dass die Empfindungen, die sie innen haben, nach außen ein Körper sind, nicht anders als jener (der Körper der Mutter) vor ihnen. Schon Neugeborene erleben ihre Mutter somit als ein Gegenüber. Säuglinge wissen offenbar auch, dass der mütterliche Körper mit genau der gleichen Innerlichkeit begabt ist, die sie selbst fühlen. Neugeborene verstehen vielleicht sonst nichts, aber eine Sache wissen sie mit einer Klarheit, um die wir sie beneiden können: Dass sie Lebewesen sind, deren Gefühle eine mit den Fingern betastbare, mit den Blicken wahrzunehmende sichtbare Außenseite haben. Oder, noch allgemeiner ausgedrückt: Sie wissen, dass sie Materie sind, die zu Gefühlen fähig ist.

(…)

Für den Bewusstseinsforscher und Philosophen Evan Thompson von der Universität Toronto zeigen diese Experimente: “Für Neugeborene ist die Erfahrung, dass sie ein Ich haben, an die Gegenwart von anderen Menschen gekoppelt.“ Bewusstsein forme sich wie in einem Pingpongspiel aus der Kommunikation zwischen dem eigenen Selbst und dem der anderen Menschen. Bewusstsein ist darum immer auf die Präsenz eines Gegenübers angewiesen. Es ist weniger subjektiv, als intersubjektiv, wie Thompson glaubt. Der Schlüssel für eine gesunde Entwicklung läge damit in der Empathie: In der Möglichkeit, eigene Gefühle zu erfahren, indem man sie an anderen erkennt, von denen man weiß, dass sie ebenfalls fühlen. Werden zu können hieße, geliebt werden zu dürfen – als eine biologische Notwendigkeit.

Darum – nicht aufgrund einer vorgezeichneten symbiotischen Einheit mit der Mutter – bleibt der werdende Mensch sein Leben lang auf eine Form von Symbiose angewiesen. Nur indem ich mich in bestehenden Strukturen widerspiegele, gewinne ich für mich selbst Struktur. Das Neugeborene erlebt sich getrennt, und zugleich wird es nur im Wechselspiel mit anderen zu einem Selbst – indem es die Trennung überwindet. Der Säugling muss sich im Gesicht der Mutter (oder des Vaters oder einer anderen zentralen Bezugsperson) spiegeln, um sich selbst erkennen zu können. Ihr Blick macht ihn zu dem, der er sein wird – und je nachdem wie empathisch, einfühlsam und liebevoll der Blick ausfällt, wird der neue Mensch ein anderer. Hirn-Experimente mit Affen zeigten, dass das Ausmaß der elterlichen Fürsorge den anatomischen Aufbau des Denkorgans in entscheidender Weise beeinflusst. Gefühle, die ein Kind bis zu einem bestimmten Lebensalter nicht erlebt, weil sie ihm von seinem Gegenüber nicht entgegengebracht werden, löschen sich aus der Architektur des Gehirns und sind dann für ein ganzes Leben unheilbar verloren.“

Andreas Weber, “Alles fühlt

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Empathieverweigerung

Wieso verweigern Menschen anderen ihre Empathie? Wieso verweigern sie sogar ihren Kindern ihre Empathie? Wieso hören sie im Schreien des Säuglings nicht seinen Schmerz? Was treibt die dazu, ihr Baby alleine in ein Zimmer zu legen und davon auszugehen, so werde dieses kleine Kind „richtig“ zum Schlafen oder sogar Durchschlafen erzogen? Wieso legen sie soviel Wert auf Erziehung und so wenig auf Beziehung? Was bringt Eltern dazu ihre Kinder abzulehnen, zu demütigen, zu verletzen?

Noch bis 1987 konnte man das Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer in deutschen Buchhandlungen kaufen. Es wurde in den 1930ern verfasst. 1949 wurde der Titel in „Die Mutter und ihr erstes Kind“ geändert. Während der Nazizeit erreichte es eine Auflage von 600 000 Büchern und nach 1949 nochmals 600 000. 

Voller schwarzer Pädagogik, wies es Mütter an, ihre Kinder direkt nach der Geburt wegzulegen und einen Tag lang nicht zu beachten, bestimmte genau, dass die Mutter nur alle vier, im Ausnahmefall alle drei Stunden stillen dürfe, nachts acht Stunden Stillpause einzulegen habe und dazwischen das Kind nur beachten dürfe, wenn es sauber gemacht werden musste oder krank war. 

Frau Haarer sprach dem Kind jegliche Gefühle ab, außer dem mächtigen Wunsch nach Macht über die Mutter. Gäbe man dem auch nur einmal nach, ziehe man sich einen kleinen Tyrannen heran.

Alleine war Frau Haarer mit ihren abstrusen Vorstellungen nicht. Auch noch bis in die 1980er Jahre gingen Mediziner davon aus, dass kleine Kinder keine Schmerzen empfänden. Daher wurde bei Operationen an Kindern bis Ende der 1980er, nur wenig Narkosemittel und oft kein Schmerzmittel verabreicht. Schreien und entsprechende Mimik wurden als Reflexe gedeutet.

Wie konnte es dazu kommen? Wissen wir inzwischen doch, dass Mütter instinktiv die Gefühle ihres Kindes wahrnehmen, erfassen und einsortieren, was sie direkt veranlasst ihr Kind zu beruhigen, es hochzunehmen mit aller Kraft dafür einzutreten, dass es dem Kind schnellstmöglich wieder gutgeht. Wir wissen auch, dass wir über unsere Spiegelneuronen die Gefühle des Gegenübers wahrnehmen, als erlebten wir die Situation selbst.

Es scheint so, als sei es den Menschen, die Haarers Anweisungen folgten, den Medizinern, die Kinder operierten und ihnen Schmerz- und Narkosemittel verweigerten, oder den Eltern, die ihre Kinder all dem auslieferten und die Anweisungen der schwarzen Pädagogik befolgten, nicht möglich gewesen, die Gefühle ihrer Kinder zu erkennen. Es war ihnen nicht klar, dass sie Kindern Gewalt antun, Gewaltthesen verbreiten und andere zur Gewalt gegen Kinder aufriefen. Sie hatten ihre Empathie unterdrückt, einen Teil ihrer Seele verbannt.

Gewalt ist leider ein Erfolgsrezept. Sie wirkt. Kinder die Gewalt erleben, passen sich dem Aggressor an. Sie entwickeln große Antennen für ihn und andere, versuchen seine Gedanken zu lesen, zu erraten in welcher Stimmung er ist, ob Gefahr droht.

Oft wird Gewalt, die Kinder erleben, in drei Bereiche unterteilt, die eine Steigerung implizieren:

  • Emotionale (seelische, psychische) Gewalt 
  • Körperliche Gewalt
  • Sexualisierte Gewalt 

Sexualisierte Gewalt geht immer auch mit körperlicher und emotionaler Gewalt einher, körperliche Gewalt beinhaltet auch emotionale Gewalt.

Auf den ersten Blick, scheint emotionale Gewalt weniger schlimm zu sein. Allerdings kämpfen Menschen, die Gewalt erlebten, oft mit erfahrener emotionalen Gewalt viel länger und nachhaltiger, als mit körperlicher oder sexualisierter Gewalt (das gilt natürlich nicht immer und schon gar nicht für körperliche und sexualisierte Folter, die unabsehbare Auswirkungen nach sich ziehen kann). 

Das geht unter anderem darauf zurück, dass es oft sehr lange dauert, bis emotionale Gewalt als solche von Betroffenen wahrgenommen wird. Sie wächst in jede Zelle, drängt sich in jedes Organ, lässt sich vom Blut in jeden noch so abgelegenen Winkel des Körpers tragen. Sie wird Teil des Menschen. Unsichtbar, weil sie sich als die Person selbst tarnt.
Ihr Vorteil liegt in ihrer „Subtilität“, in der Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgibt Teil zu sein, dazu zu gehören. Und auch in unserem sozialen System und den daraus folgenden Glaubenssätzen, die wir verinnerlicht haben. 

Emotionale Gewalt wird oft nicht als Gewalt gesehen, sondern als Rauheit, Grobheit oder Unfähigkeit eines Menschen seine „wahren“ Gefühle zu zeigen, missdeutet.

Beispiele für verbale emotionale Gewalt sind: 

„Du bist schlecht. Durch das, was du tust oder eben nicht tust, verursachst du Leid. Meines und das von anderen. Siehst du, was du deiner Mutter angetan hast? Sie weint. Das ist deine Schuld. Wir haben nur wegen dir gestritten. Nichts kriegst du hin. Du bist dumm. Tölpel. Du hast zwei linke Hände und stolperst über deine eigenen Füße. Kannst du einmal etwas richtig machen? Ich wollte du wärst nicht geboren. Geh! Ich kann dich nicht mehr ertragen! Wie du wieder aussiehst.“

Daneben gibt es die bedeutenden Blicke, die abwertenden Gesten, das Nicht-Beachten, Ironie, Zynismus, das bewusste Vorziehen von Geschwistern, bösartige Bemerkungen im Beisein Dritter. Böse Worte und/oder ein böser Tonfall, Mimik und Körperhaltung, die hochgezogene Augenbraue, Witze auf Kosten anderer oder Vorwürfe, die wie aus heiterem Himmel kommen. Manipulation, etwas steif und fest behaupten, Gegenargumente klein machen und bagatellisieren. Nichts als gut genug befinden, Anerkennung höchstens für Teilbereiche zugestehen.

Wie können wir dieses umfassende Entstehen emotionaler Gewalt erklären?

Wir leben in einem System, das auf Hierarchien baut. Dieses System hatte vor circa 10 000 Jahren mit dem Beginn des seßhaft Werdens der Menschen seinen Ursprung. Während in nomadisch lebenden Gemeinschaften die Fähigkeiten jeder einzelnen Person für die Gruppe als Ganzes wichtig waren, wurden nun Bauern, Züchter und andere, die einen Überschuss an Nahrungsmitteln und weitere, für die Gemeinschaft wichtige Dinge bereitstellten, mächtiger und einflussreicher als andere. 

Mit den Hierarchien veränderten sich auch die Machtverhältnisse. Männer waren mächtiger als Frauen und Kinder, bestimmte Berufe wichtiger als andere. Macht entwickelte sich zu einem Wert an sich. Wer Macht hatte, brauchte keine Empathie. Im Gegenteil. Empathie konnte verhindern, dass die Macht verteidigt und behalten wurde. Wer zu viel Empathie zeigte, galt schnell als schwach, konnte ausgenutzt werden und büßte im schlimmsten Fall seine Positionen ein. Die Hierarchie als solche sorgt also mit dafür, dass Empathie schwindet.

Es entwickelten sich viele Methoden, um klare Grenzen zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen zu ziehen. So zum Beispiel die Verteilung von Land, Tieren, Freiheit. Die unterschiedlichen Gesetze erlaubten es, je nach Stand, den einen, andere körperlich zu züchtigen, sexualisierte Gewalt auszuüben, zu heiraten, lesen und schreiben zu lernen, Kinder zu bekommen, Kriege zu führen, von den Steuern des Volkes zu leben, usw., während die Mehrzahl der Menschen sich dem Willen anderer unterordnen musste und heute noch muss.

Wir leben also seit tausenden von Jahren in Hierarchien, die darauf aufgebaut sind anderen empathisches Handeln zu verweigern. Wir finden diese Hierarchien überall in unserer Gesellschaft, auch in den Familien (ich könnte auch schreiben: „Bis hinunter in die Familie“, und jeder würde sofort dem Hierarchie implizierenden Satz zustimmen).

In der Familie steht ein Elternteil, meist der Vater, an oberster Stelle, die Kinder stehen auf der untersten Stufe. Wir alle haben das verinnerlicht. Wir wurden in dieses System hinein geboren, fast alle Erwachsenen um uns waren daran angepasst. Wir haben erlebt, wie es sich anfühlt, ohne Empathie behandelt zu werden, nicht gesehen zu werden; wir wurden nicht gefragt oder es wurde nicht auf uns gehört. Das geschah so oft und von so unterschiedlichen Personen, dass wir es für normal hielten (und halten). Hatten wir dann noch Erwachsene, die uns Gewalt antaten, schien emotionale Gewalt nur eine leichte Steigerung des normalen, gesellschaftlich akzeptierten Umgangs mit Menschen, insbesondere mit Kindern darzustellen.

Emotionale Gewalt sagt im Kern immer aus, das Kind sei falsch, so wie es ist. Ist ein Kind dem lange genug ausgesetzt, glaubt und verinnerlicht es diese Sicht. Je nach der Mächtigkeit des Verinnerlichten, entsteht ein sogenanntes „Täterintrojekt“. Diese Introjekte lassen das Kind die Position des Gewalttätigen einnehmen und halten es, oft bis ins Erwachsenenalter hinein, dort fest. In der Folge wird die erlebte emotionale Gewalt, in Vertretung des Aggressors, gegen sich selbst, gegen andere, selten gegen den Verursacher gerichtet. 

Das Kind erklärt sich das, gegen es selbst gerichtete Verhalten des Täters, demgegenüber es innerlich loyal sein muss, damit, dass dieser etwas in ihm sieht, das böse ist.

Damit entlastet das Kind den Aggressor, weil es ihn braucht und ihm ausgeliefert ist, und ihn retten und schützen möchte. Mit inneren Sätze, die ihm zuvor so oder ähnlich vermittelt wurden, behält das Kind die Sicht des Täters auf sich im Inneren aufrecht und hinterfragt sie nicht mehr. 

Schließlich war der Täter eine erwachsene Person, die mächtig erschien, vorgab die Welt zu verstehen und sich anscheinend sicher in ihr bewegte. Wie könnte solch göttliches Wesen nicht richtig liegen? 

Daher geht das Kind davon aus, Kontrolle über sich ausüben zu müssen, damit das „Böse“, in ihm nicht zum Vorschein kommt. Könnten dann doch alle anderen sehen, wie dunkel und schlimm es in Wirklichkeit ist. Der Täter hatte ja auch erkannt, dass es nicht liebenswert ist.

Geht vom Erwachsenen „nur“ emotionale Gewalt aus, ist es meist ein schleichender Prozess von Grenzverletzungen, der nur schwer sichtbare Spuren hinterlässt. Dies ist für Dritte wenig auffallend und kaum zu identifizieren. Während sich bei körperlicher und sexualisierter Gewalt manchmal noch aufmerksame Menschen finden, die eingreifen, leiden Kinder die emotionale Gewalt erleben, fast immer unerkannt. Auch deshalb, weil die meisten Erwachsenen selbst emotionale Gewalt erlebt haben, ohne dies für sich als Gewalt erkannt und benannt zu haben; schließlich ist emotionale Gewalt unerkannter Teil unseres Gesellschaftssystems. Beziehungsweise werden bestimmte Formen emotionaler Gewalt in manchen Bereichen der Gesellschaft oder Berufen, als notwendig erachtet: Da braucht man Biß und muss die Ellbogen einsetzten. Schließlich ist das Leben kein Ponyhof. Wer Erfolg haben will, muss wissen wie man kämpft. Es wird agitiert und manipuliert, übergangen und aus dem Rennen geworfen, fertig gemacht und nieder gekämpft.

Emotionale Gewalt findet überall dort statt, wo wir glauben, wir seien, so wie wir sind, nicht genug. Entweder üben wir sie gegen uns oder andere aus, oder wir erfahren sie durch andere. Emotionale Gewalt gehört zu unserem Alltag und kommt oft vollkommen unsichtbar daher. Für das Kind und auch für den Erwachsenen, fühlt es sich vordergründig normal an. Wären wir darin geübt unsere Tiefe wahrzunehmen, abzusteigen, nähmen wir allerdings wahr, dass dieses “normal“, kein Gefühl beinhaltet, sondern Leere ist. Eine emotionale Leere, die entstand, weil wir uns unsere authentischen Gefühle verweigerten.

Diese emotionale Leere in uns schluckt unsere Lebensfreude, unsere Lebendigkeit und Vitalität. Es wachsen Selbstzweifel, der Glaube an die eigenen Fähigkeiten schwindet, während der innere Druck steigt und eine geduckte Lebenshaltung entsteht, die jeden Moment ein neues Gewitter, eine neue Strafe oder auch nur den nächsten Tadel erwartet. In der Folge geben wir die Verantwortung für unser Glück weiter ab. Statt kreativ auf das Leben zu reagieren, werden wir zu Konsumenten. Die Idee, Glück sei im Außen zu finden, verführt uns dazu zu denken wir könnten es kaufen. So erschaffen wir eine Gesellschaft ohne Glück, mit Menschen voller innerer Leere. Statt zu erkennen, dass jeder und jede genauso, wie sie ist, in Ordnung ist, laufen wir Ideen von Selbstoptimierung hinterher, die dieses wahnsinnige Rad, das wir in Bewegung gesetzt haben, weiter und weiter drehen. Wir treiben uns an, beruflich und privat, noch mehr Leistung zu erbringen. Wir jagen unsere Kinder vor uns her, immer auf der Hut vor dem Gespenst der Leistungsgesellschaft und was diese Gesellschaft angeblich von uns verlangt. Mit der Angst im Nacken, nicht mehr dazu zu gehören, wenn wir ihre Anforderungen nicht mehr erfüllen. Vollkommen egal, ob es dabei um das große Geld, die ökologische Ausrichtung, den Kleingartenverein, die Nachbarschaft oder irgend eine andere Zugehörigkeit geht. Das können wir nur erfüllen, wenn wir uns und unseren Kindern die Empathie verweigern.

Haben wir unsere Kreativität lange genug an andere abgegeben, ist es schwierig, wieder an unsere Kraft anzudocken. Dies wird meist erst möglich, wenn die Bereitschaft wächst, sich den heftigen, oft als vernichtend empfundenen Gefühlen der Kindheit zu stellen. 

Die alte Angst, die das Kind motivierte, die Sicht des Mächtigen zu übernehmen, erscheint dann wieder. Meist nicht konkret und bewusst, sondern als Schatten, der irgendwo aus den Tiefen der Gedärme aufsteigt, bedrohlich und unversöhnlich. Für die Person fühlt es sich an, als müsse genau das unter allen Umständen vermieden werden. 

Doch nur bewusstes Hinschauen, Wahrnehmen und Erkennen hilft weiter. Emotional und kognitiv. Es gilt diese alten Ängste zu durchlichten, was möglich wird, indem man sich ihnen stellt und dadurch erfährt, dass die Ängste unserer Kindheit für den Erwachsenen von heute handhabbar sind. Dass Angst nur ein Gefühl ist, das seinen Moment möchte und sich dann wandeln kann in seine ursprüngliche Essenz. Denn Angst ist, wie jedes unsere Gefühle, in der Tiefe des Seins, Lebensenergie. Pure, reine Lebensenergie, die wir genutzt haben, um das Gefühl der Angst zu formen. 

Nach der Beschäftigung mit der Angst, wird für den jetzt Erwachsenen sichtbar, dass der Vater/die Mutter seine innere Unsicherheit damals auf das Kind projizierte und versuchte, seine eigenen, als unzulänglich erlebten, Gefühle im Kind zu verändern.

Nicht die fantasierte Unzulänglichkeit des Kindes ist das Problem, sondern die, oft über Generationen weiter gegebene Unklarheit der Grenzen zwischen dem Innen des jeweiligen Erwachsenen und dem Außen des Kindes.

Ich - Du - Wir

(…) Geld entsteht in unserem jetzigen System dadurch, dass wir uns an der Umwandlung von Natur in Waren, von Gemeinschaft in Märkte und von Beziehungen in Dienstleistungen beteiligen.

Charles Eisenstein

Ich - Du - Wir

Vai. E, se der medo, vai com medo mesmo. 
Gehe. Und wenn du Angst hast, gehe in Angst.

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